Donnerstag, 3. Januar 2008
Das Alter
Ich war über Weihnachten daheim bei der Familie. Dabei ist mir aufgefallen, wie negativ doch die Themen sind, wenn Smalltalk gehalten wird. Fast ausschließlich geht es um Dinge, die schief gegangen sind oder den Erzähler ärgern. Die Spanne reicht von Kleinigkeiten (das Streusalz ist alle) bis hin zu zwischenmenschlichen Problemen (mein Partner erzählt nur noch, wie schwer es auf der Arbeit ist).

Plötzlich wurde mir die Ursache für dieses Verhalten bewußt: Konservierung!

Menschen ab einem gewissen Alter - sagen wir ab 50 - neigen dazu, ihr Leben zu konservieren. All ihre großen Ziele im Leben sind erreicht, jetzt heißt es den gewohnten Alltag beizubehalten und nichts mehr zu verändern. Veränderungen werden als störend und somit negativ empfunden.

Dummerweise besteht das Leben nur aus Veränderung. Die Konservierung ist also gar nicht möglich. Selbst wenn man sich selbst sklavisch an einen festen Alltag klammert, erzeugt doch die Gesellschaft Veränderungen aller Art, die sich in jedermanns Leben bemerkbar machen.

Das Leben eines Konservierers besteht also fast ausschließlich aus negativen, kraftraubenden Ereignissen. Die großen Ziele sind also schon erreicht, also ist die einzige Quelle positiver Kraft die Präsenz und das Leben anderer Menschen, meist Freunde und Familie.

Sind diese Menschen rar gesät, kann ein Gespräch mit einem Konservierer mitunter recht anstrengend sein, wenn man nur hört, wie schlimm die Welt doch ist.

Ich selbst betrachte mich als positiv denkenden und mitfühlenden Menschen, der durchaus noch Ziele im Leben hat und gerate dadurch schnell in die Rolle des Zuhörers und Trösters. Ich würde den Konservierern gerne klar machen, wie sehr sie sich selbst das Leben schwer machen, weiß aber nicht wie.

Offen wie ich bin, habe ich dieses Thema im Kreis der eigenen Familie angesprochen. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Eine Person hat sich direkt angegriffen gefühlt und war tödlichst beleidigt, Diskussion beendet.

Die andere Person war nachdenklich und hat meine Argumentation nachvollzogen: "Wie gerne redest Du eigentlich mit deiner Mutter?" "Ich würde gerne jetzt etwas an der Situation ändern, bevor es bei uns in 10 Jahren auch so ist." Die Reaktion war dann aber blöd: "Ja, wenn Du das jetzt erkannt hast, kannst Du mir ja bald die Lösung sagen.". Na toll. Ja, ich habe das Problem erkannt, bin nicht die Ursache, soll aber trotzdem alleine die Lösung finden...

Ein Anfang wäre es schon mal, nicht stundenlang einen Monolog über die trivialen Widrigkeiten des Lebens zu halten, sondern den anderen auch mal zu Wort kommen zu lassen. Vielleicht hat der ja auch die ein oder andere Trivialität zu erzählen.

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